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Warum deutsche Fachleute auf Englisch direkter klingen, als sie es meinen

Ein deutscher Kollege schreibt eine englische E-Mail, die auf englischsprachige Empfänger schroff wirkt. Nicht unhöflich, eher ungewöhnlich direkt. Kein Abfedern, kein “I was wondering if,” kein “when you get a chance.” Nur die Sache, klar benannt, und dann endet die Mail.

Die Empfängerseite liest einen Ton heraus. Der Absender meinte Klarheit. Beides ist nicht falsch. Unter den Worten passiert etwas Strukturelles, und es lohnt sich, das zu verstehen. Es erklärt vieles von dem, was in der interkulturellen Geschäftskommunikation als Barschheit missverstanden wird.

Eine Sprache, die um das Verb herum gebaut ist

Das Deutsche hat eine Regel, die weit mehr prägt als den Satzbau. Im Hauptsatz steht das Verb fast immer an zweiter Stelle, ganz gleich, was davor kommt. “Ich gehe heute zur Schule” und “Heute gehe ich zur Schule”: In beiden Fällen bleibt das Verb “gehe” an seinem Platz, obwohl der Satz jeweils anders beginnt.

Im Nebensatz kehrt sich die Regel um: Das Verb rutscht ganz ans Ende. “Ich weiß, dass du heute zur Schule gehst” lautet Wort für Wort ins Englische übertragen “I know, that you today to school go.” Wer zuhört, muss den ganzen Nebensatz im Kopf behalten und auf das Verb warten, bevor sich die Bedeutung vollständig auflöst.

Das ist keine grammatische Nebensächlichkeit. Es trainiert Sprechende darauf, die vollständige Struktur eines Satzes zu planen, bevor sie ihn beginnen, und Informationen in einer festen Reihenfolge zu liefern, statt sie locker anzuhängen, während der Gedanke entsteht. Englisch verträgt weit mehr Umwege. Deutsch, seiner eigenen Grammatik nach, nicht.

Warum das im Englischen als “Direktheit” ankommt

Wenn deutsche Sprechende ins Englische wechseln, nehmen sie die Gewohnheit der Satzplanung oft mit, obwohl die englische Grammatik sie gar nicht verlangt. Das Ergebnis ist eine Sprache, die stark strukturiert, klar geordnet und auf den Punkt gebracht ist. Es sind genau die Instinkte, die das Deutsche klar und präzise machen, angewandt auf eine Sprache, die um dieselbe Information mehr Polster erwartet.

Englische Muttersprachler lesen diese Direktheit häufig als Kühle oder Barschheit. Das ist sie selten. Näher dran ist: Eine Grammatik scheint durch eine zweite Sprache hindurch, also die strukturelle Gewohnheit, den Punkt schlicht zu benennen, ohne das abfedernde Beiwerk, das englische Ohren gewohnt sind.

Ein Übersetzungsproblem in beide Richtungen, kein einseitiger Fehler

Es lohnt sich, hier genau zu sein. Es ist nicht so, dass deutsche Sprechende schroff sind, und es ist nicht so, dass englische Sprechende vage sind. Jede Sprache hat eigene Konventionen dafür entwickelt, wie viel Abfederung eine schlichte Bitte braucht. Diese Konventionen lassen sich nicht automatisch übertragen, nur weil das Vokabular sich übertragen lässt.

Das gilt in beide Richtungen. Die gewohnte englische Abfederung, “I was just wondering if maybe,” “when you get a chance, no rush,” kann auf deutsche Kolleginnen und Kollegen unklar oder sogar ausweichend wirken, so als wüsste die sprechende Person selbst nicht, was sie will. Keine Kultur macht es falsch. Jede wendet die Normen ihrer eigenen Sprache auf ein gemeinsames Gespräch an. Die Reibung entsteht aus diesem Missverhältnis, nicht aus den Entscheidungen einzelner Personen.

Was das in der Praxis bedeutet

Für deutsche Fachleute, die auf Englisch vor internationalem Publikum präsentieren oder schreiben, geht es nicht darum, die Klarheit und Struktur aufzugeben, die die deutsche Grammatik im Denken bereits angelegt hat. Diese Präzision ist ein Vorteil. Es geht darum, bewusst eine Schicht englischer Abfederung darüberzulegen, und zwar genau dort, wo die englische Konvention sie erwartet: bei Bitten, bei Feedback und überall dort, wo etwas sonst wie eine Anweisung statt wie eine Bitte klingen könnte.

Es geht nicht darum, weniger direkt zu werden. Es geht darum, zu wissen, welches Register ein Moment verlangt, und bewusst zwischen deutscher Klarheit und englischer Abfederung zu wählen, statt unbewusst auf das zurückzufallen, was Ihre Erstsprache Ihnen antrainiert hat.

Dasselbe Prinzip, umgekehrt

Umgekehrt gilt dasselbe für englische Sprechende, die mit deutschen Kollegen oder Kunden arbeiten. Was auf Englisch als höfliche Abfederung gilt, kann auf Deutsch unklar oder unverbindlich wirken. Im Deutschen wird eine direkte Antwort oft erwartet und als Respekt vor der Zeit des anderen geschätzt. Sich in diesem Kontext in Richtung Direktheit zu bewegen, ist keine Unhöflichkeit. Es heißt, das Register zu treffen, nach dem der Raum tatsächlich funktioniert.

Denn die Struktur, die Ihre Erstsprache Ihnen mitgegeben hat, war nie ein Fehler, den es zu beheben gilt. Sie ist ein Ausgangspunkt, den zu verstehen sich lohnt, damit Sie bewusst entscheiden können, wann Sie sie einsetzen und wann Sie abfedern.

Verwendete Konzepte: die deutsche Verbstellung (verb-second und verb-final word order) und ihr Einfluss auf den Kommunikationsstil über Sprachgrenzen hinweg, wie in der vergleichenden Sprachwissenschaft beschrieben.

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Über die Autorin

Nadia Britz ist die Gründerin von Noreva, einer Beratung für Executive Communication. Noreva hilft Fachleuten, klarer, sicherer und wirksamer zu kommunizieren. Sie verbindet Psychologie, Sprachwissenschaft und Executive Communication. So arbeitet sie mit Führungskräften, Fachleuten und globalen Teams. Ihr Ziel: aus Fachwissen überzeugende Geschäftskommunikation machen.

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